Artikel Magazin AQUARIUM LIVE /Sabine Budin
Schleierschwanz und Co. Sabine Budin
Die Varianten des Goldfisches.
Goldfischbecken sind immer wieder die Anziehungspunkte in Zoogeschäften. Besonders Anfänger in der Aquaristik und Kinder sind fasziniert und bleiben bei den bunten Gesellen hängen. Leider sind die Goldfischbecken häufig versteckt in Bodennähe als unterste Becken, sodass man halb auf dem Bauch liegen muss, um sich die schönsten Tiere auszusuchen. Auch hört man oft Haarsträubende Argumente von den Verkäufern und auch so manchem Aquarienbesitzer zu denen ich hier etwas zur Klärung beitragen und zum Nachdenken anregen möchte.
Wie die Goldfischpflege bei mir begann
Es sind mittlerweile 30 Jahre her, als ich das erste Mal Goldfische in meinem Aquarium gehalten habe. Rückblickend gesehen war es nicht gerade tierfreundlich, wie sie bei mir gehalten wurden, denn hatte ich noch keine Ahnung von biologischen Zusammenhängen, Bodenleben und Bakterien, Wasserchemie und Ansprüche dieser faszinierenden Tiere. Meine Eltern haben mir ein 54 Liter Aquarium gekauft, 8 Schleierschwänze hineingestopft, etwas Kiesel, Plastikpflanzen und ein Luftsprudler. Beleuchtung gab es keine über dem Becken.
Das Wasser wurde alle zwei Wochen gänzlich ausgetauscht, der Kies komplett durchgewaschen. Man wollte ja ein sauberes Aquarium. Den Fischen aber ging es trotzdem nicht besonders gut hier, sie wurden krank, abgesehen davon war es eine Menge unnötige Arbeit. Dann wurden Medikamente ins Becken gekippt ohne die genaue Ursache der Krankheitssymptome zu kennen – das erfreute nur den Fachhandel, der gut daran verdiente. Schließlich sind die Goldfische alle einer nach dem anderen verstorben und das Hobby war zu Ende noch bevor es richtig begonnen hatte.
Die Fehler die wir damals begangen haben, hätten verhindert werden können, wenn genug Informationen von Fachleuten und Bücher zur Verfügung gestanden wären. Da hat sich schon vieles getan in den letzten Jahren, die Technik ist besser geworden und es gibt auch mehr Literatur zum Thema. Aber genau wie damals hört man noch heute die gleichen Argumente und Vorurteile gegenüber Goldfischen. Da hat sich leider nicht sehr viel geändert und ich denke man sollte sich nicht alles ungefragt einreden lassen, sondern sich auch selbstverantwortlich Gedanken machen.
Bedürfnisse
Ich betrachte hier in meinen Ausführungen hauptsächlich die Aquarienhaltung von Schleierformen und möchte auf Teichhaltung gestreckter Goldfischzuchtformen weniger eingehen.
Am wichtigsten erscheint mir, dass man bevor man sich Goldfische überhaupt anschafft im klaren ist, dass diese Tiere recht alt werden können. Zehn bis fünfzehn Jahre sind bei guter Pflege keine Seltenheit, auch gibt es einzelne Exemplare die bis zu dreißig Jahre oder älter wurden. Goldfische – egal welcher Form - haben abgesehen von einem artgerecht eingerichteten Aquarium und regelmäßiger Futtergabe auch andere Bedürfnisse. Wenn man aber den Fischen nicht ausreichend Platz bieten kann oder will, sollte man sie sich erst gar nicht anschaffen. Gerade junge Goldfische schwimmen gerne, sind sehr verspielt und neugierig. Sie suchen immer wieder die Nähe von anderen Goldfischen, sie jagen sich gegenseitig, führen regelrecht Tänze auf. Daher ist es wichtig sie mit Artgenossen gemeinsam zu pflegen. Drei Fische in einem Aquarium sind Minimum, besser mehr. Sie sind zwar keine Schwarmfische, doch lieben Sie die Geselligkeit anderer Goldfische. Während der Nachtstunden halten sie sich in Bodennähe auf, oft friedlich nebeneinander.
Ich habe auch schon beobachtet, dass sich zwischen einzelnen Fischen auch eine Art Beziehung entwickelt, sie sind dann viel häufiger mit diesen Artgenossen beisammen als mit anderen. Geht es einem Partner nicht gut, ist der andere häufig in der Nähe und versucht den Artgenossen anzustupsen und immer wieder anzutreiben. Stirbt einer der beiden ist ein Verhalten zu bemerken, das wie Trauer wirkt. Der Fisch sucht dann nach dem anderen.
Goldfische gründeln gerne. Das Futter sollte daher ihren natürlichen Instinkten folgend auch im oder am Bodengrund zu finden sein. Sinkendes Futter, das über längere Zeit nach Futtergabe noch gesucht wird, regt die Sinne an. Daher sollte im Aquarium ein Bereich vorgesehen werden, der den Fischen zum gründeln zur Verfügung steht. Hierbei sollte der Bodengrund möglichst nicht scharfkantig sein (feiner Kies oder Sand), um Verletzungen zu vermeiden.
Vorurteile
Alle Vorurteile haben häufig eine Entstehungsgeschichte, sie gehen auf gehörte, weitererzählte oder verbreitete Erfahrungen zurück. Und auch da wird dann viel dazu gedichtet und ist dann schlichtweg falsch.
Das erste Vorurteil, was ich immer wieder zu hören bekomme, ist „Goldfische sind nur für Kinder oder Anfängerfische“. Das ist so nicht ganz zu akzeptieren. Sicherlich braucht man nicht so penibel darauf zu achten, welche Temperatur das Wasser hat, denn die Raumtemperatur (17-22°C) ist ausreichend und die Temperaturschwankungen, die in einem Wohnraum auftreten, sind zu vernachlässigen. Unsere Schleierschwanzformen sind eigentlich weder als Warmwasserfische noch als Kaltwasserfische zu bezeichnen. Ein Leben in einem Teich ist in unseren Breiten zwar auch ganzjährig möglich, soll für diese Formen von Goldfischen aber eine Verkürzung der Lebensdauer zur Folge haben. Daher sind sie wesentlich besser für das Aquarium geeignet. Einen Wärmestab braucht man aber für ein Goldfischaquarium nicht, da die Raumtemperatur völlig ausreicht.
Von plötzlichen Veränderungen der Wasserqualität abgesehen, sind Goldfische sehr anpassungsfähig. Dennoch muss auf akzeptable Wasserwerte geachtet werden, denn faulende Pflanzen, Überfütterung, Überbesatz, Stoffwechsel, defekte Pumpen etc. können das Wasser sehr stak belasten. Und dann muss rechtzeitig mit Erstmassnahmen wie häufiger Teilwasserwechsel oder Installierung einer neuen leistungsfähigeren Pumpe gegengesteuert werden. Der Ph-Wert sollte sich in einem Bereich zwischen 6,5 bis 8,5 bewegen (ideal ist ein Ph-Wert von 7-8). Wichtig ist, dass keine spontanen Veränderungen auftreten. Die Wasserhärte kann zwischen 10 bis 16°dGH betragen und ist in diesem Bereich auch für die Zucht geeignet. Also wird der verantwortungsvolle Goldfischhalter auch nicht an Wassertests vorbeikommen.
Eine weitere verbreitete Meinung ist „Goldfische haben keine Ansprüche – sie brauchen nur ein kleines Aquarium“. Das ist natürlich grundlegend falsch. Im Gegenteil, je größer das Aquarium desto besser. Wenigstens werden so genannte Goldfischgläser kaum mehr angeboten, und wenn dann hoffentlich nur zu Dekorationszwecken und nicht für Fische. Aber einem Nicht-Aquarianer kann man ja alles einreden. 100 cm Kantenlänge sollten es schon sein, damit sich Ihre Goldfische auch wirklich wohl fühlen können. Für einen Fisch von 10 cm Länge sind Minimum etwa 30 Liter Wasser zu kalkulieren. Dabei ist zu bedenken, dass Goldfische noch um einiges größer werden können.
Und auch der Spruch „Goldfische bleiben klein, wenn man sie in kleinen Becken hält“ oder „sie passen sich der Beckengröße an“ entbehrt jeder Grundlage. Sie wachsen vielleicht weniger schnell, weil die Wasserwerte durch Verschmutzung schlechter und weniger stabil sind als in einem großen Becken. Bei guter Nahrung und Umweltbedingungen wächst ein Lebewesen einfach besser als in einer Lebensfeindlichen Umgebung. Auch wird die Lebenserwartung auf kleinem Raum eher geringer sein, als in einer natürlich gestalteten großzügigen Umgebung.
Die Annahmen, dass Goldfische alle Pflanzen fressen und zerstören, kommen nicht von ungefähr. Sicherlich kann man nicht jede hübsche Pflanze in ein Goldfischbecken geben, feingliedrige Pflanzen werden eher ungeeignet sein, manche schmecken ihnen einfach zu gut oder werden durch aufgewirbelten Mulm bedeckt und sterben dann ab, weil sie nicht mehr atmen können. Aber es gibt eine Menge härterer und derberer Pflanzen, die von den Goldfischen verschmäht werden. Besonders, wenn das Aquarium mit bereits erwachsenen Tieren besetzt wird, muss man auf eine gute Verankerung achten, dass diese sonst leicht durch ständiges gründeln und durch heftige Schwimmbewegungen herausgerissen werden. Sie reißen die Pflanzen aber nicht aus, wie so manche andere Fischarten. Man kann ein Goldfischaquarium aber durchaus sehr ansprechend und auch mit vielen Pflanzen gestalten.
Die weit verbreitete Ansicht, dass Goldfische
einen sehr starken
Stoffwechsel haben und alles verschmutzen ist so nicht ganz zu akzeptieren.
Dieses Urteil basiert ja in aller Regel auf einem Missverhältnis zwischen
Fischgröße, Fischanzahl und Aquariengröße bei der Unterbringung. Sicherlich sind
die Stoffwechselabbauprodukte schädlich und daraus kann sich das giftige
Ammoniak abspalten. Aber, wenn man einen guten Filter besitzt, und bei der
Fischhaltung gewisse Parameter (geringer Besatz, mäßige Fütterung, ausreichende
Bepflanzung) beachtet ist auch der Stoffwechsel kein Problem. Es reicht dann den
eingelaufenen Filter alle paar Wochen zu säubern, wenn er wirklich ganz
verschmutzt ist. Der Teilwasserwechsel sollte, wenn möglich wöchentlich erfolgen
und bis zu 50% Wasser erneuern.
Qualzuchten und Mutationen
Hier komme ich zu einem doch sehr heiklen Thema, dass die Emotionen oft recht anheizen kann und eine Kluft zwischen Goldfischliebhabern und Goldfischhassern treibt. Doch ich denke man sollte zwar mit kritischer Hinerfragung an die Thematik herangehen, aber auch andere Vorlieben tolerieren. Variationen der Körperfarbe werden hier noch eher hingenommen, als Veränderungen in der Körper- oder Flossenform, nicht zu vergessen Veränderungen der Form des Kopfes oder der Schuppen. Goldfische werden von Warmwasseraquarianern oft recht abschätzig angesehen, doch auch diese Lebewesen haben ihre Berechtigung. Sie sind seit Jahrhunderten in menschlicher Obhut und man sollte auch nicht vergessen, dass sie die ersten Zierfische waren, die von Menschen gepflegt worden sind. Sie sind die Pioniere der Aquaristik. Ich möchte sogar so weit gehen und sagen, dass Goldfische uraltes Kulturgut sind. Die Chinesen und Japaner haben über Jahrhunderte Goldfische gezüchtet. Goldfische sind so zu Haustieren geworden und haben da über viele Generationen in menschlicher Obhut und Domestikation gewisse körperliche Veränderungen erfahren.
Karpfenfische zu denen unsere Goldfische gehören neigen zu häufigen Mutationen. Diese treten aber meistens nicht massenhaft auf, sondern vereinzelt. Für die Zucht steht dann nur ein einzelnes Tier zu Verfügung, welches als Ausgangstier für eine Zucht herangezogen wird. Durch jahrhunderte lange Selektion und Zucht sind diese Mutationen dann gefestigt worden und durch Kombinationszüchtungen sind bestimmte Merkmale eines Tieres auf die Nachkommen übertragen worden. So sind dann auch viele Arten entstanden, die Anlass zu Diskussionen bieten können. Der Mensch hat hier nur das gestärkt, was durch natürliche Mutationen entstanden ist und nicht durch künstliche Genmanipulation neue Variationen produziert. Das ist ein Evolutionsprozess.
Die Frage der Qualzucht wird auch mehr im Europäischen als im Asiatischen Raum geführt, wo viele bei uns unbekannte Formen von Hochzuchtgoldfischen gezogen werden. Es gibt hunderte Arten und Variationen, aber wir hier in Europa kennen nur einen verschwindend kleinen Teil davon. Im Asiatischen Raum haben Goldfische überhaupt einen anderen Stellenwert als bei uns. Da gelten sie auch als Glücksbringer. Die Wertvorstellungen in asiatischen Ländern sind mit denen im Europäischen Raum kaum zu vergleichen. Bei uns werden viele Variationen als Qualzuchten abgeschrieben, die in Japan, China oder Singapur hoch geschätzt werden. Obwohl Variationen, die durch Deformationen der Linse und eingeschränktem Gesichtsfeld sicher kritisch zu betrachten sind.
Die Veränderungen, die den Goldfisch so verschieden von der Grundform aussehen lassen, sind aber ebenso bei anderen Haustieren zu finden. Viele Hunderassen zum Beispiel sehen auch nicht mehr wie ein Wolf aus, und die Hauskatze sieht der Wildkatze in vielen Fällen nicht mehr ähnlich oder das Rind hat mit dem Ur Rind auch nichts mehr zu tun. So gesehen kann man Goldfische mit wild gefangenen noch frei lebenden Fischarten nicht wirklich vergleichen. Ein Goldfisch lebt ja nicht in einem natürlichen Biotop sondern in geschützter Atmosphäre im Aquarium oder Gartenteich. Man kann da nicht Maßstäbe ansetzen, die an natürlichen Gegebenheiten gemessen werden.
Da ist der verantwortungsvolle Umgang der Züchter, als auch der gesunde Menschenverstand der Pfleger der Tiere gefragt. Niemand kann aber sicher sagen, wann der Punkt erreicht ist, dass der Fisch Schmerzen empfindet und wann er leidet. Fische haben ein komplexes Nervensystem und daher ist anzunehmen, dass auch sie leiden können und Schmerzen haben. Niemand kann die Gedanken der Tiere lesen, und daher sollte man bei voreiligen Urteilen vorsichtig sein. Wenn aber der Fisch unter seiner Veränderung offensichtlich nicht leiden muss, ist er in meinen Augen keine Qualzucht. Wenn einem Schleierschwanz zum Beispiel die Rückenflosse fehlt (was bei einigen Zuchtformen sogar Standard ist), oder Auswüchse am Kopf vorhanden sind und der Fisch trotzdem ungehindert fressen und schwimmen kann, hat er genauso Berechtigung gepflegt zu werden. Der überwiegende Teil der Goldfischzuchtformen hat ein unbeschwertes Leben und Qualzuchten sind bei uns schon wegen der Tierschutzgesetze kaum bis gar nicht zu bekommen. Man sollte aber nicht von vorneherein Tierhalter verurteilen und bestimmte Zuchtformen gleich verbieten.
Die Goldfische und Schleierschwänze, die bei unseren Händlern häufig angeboten werden, sind leider oft auch von minderer Qualität. Dahinsiechend, Flossen klemmend und eindeutig krank schwimmen diese armen Kreaturen wankend durch das Becken. Da verwundert es mich dann auch nicht, dass es viel Gegner dieser Fischarten sich angeekelt abwenden und diese Zuchtformen verurteilen. Doch wenn man sich wohlgenährte und ausgewachsene Exemplare bei Goldfischliebhabern ansieht erkennt man die Schönheit dieser Tiere.
Fazit
Leider sind hier in unseren Breiten viele der schönen Zuchtformen nur selten bis gar nicht zu bekommen und man muss große Anstrengungen wie Importe aus fernen Ländern auf sich nehmen, wenn man eine gewisse Zuchtform erwerben will. Schöne Fische kosten dann aber auch eben etwas mehr Geld als im Baumarkt oder im Diskont „Fachhandel“ und so lange die Käufer nicht bereit sind, für Goldfische mehr Geld auszugeben, wird sich das Angebot und die Qualität der Fische wohl kaum verbessern.
Auch, wenn ich persönlich einige der Zuchtfomen des Goldfisches nicht ansprechend finde, möchte ich darüber nicht so hart urteilen. Jeder Mensch hat einen anderen Geschmack, und daher kann ich ihn nicht verurteilen, nur weil er andere Haustiere als ich für schön erachtet. Ich bin nach einigen Jahren, in denen ich Warmwasserfische gepflegt habe wieder dazu übergegangen Goldfische zu pflegen. Nicht, dass mich die Warmwasserfische nicht mehr interessieren, ich lese nach wie vor gerne Berichte über andere Fischarten, aber ich fühle mich irgendwie angekommen. Ich brauche den idealen Fisch für mich nicht mehr suchen. Ich habe ihn gefunden. Goldfische bieten ein Verhaltensspektrum, dass zu beobachten mir jeden Tag wieder neu Freude bereitet.